Mein Leben, meine Mauer
9. November 2009
Viel hatte ich nicht mitbekommen in diesen letzten Jahren und Monaten. Arbeiten, schlafen, arbeiten. Meine große Familie lebte im Westteil Berlins „am Arsch der Welt“ Lehrter Straße, Moabit. Die Gegend ganz nahe an der Mauer konnte man damals auch freundlich nur als Slum bezeichnen. Heute steht da der Hauptbahnhof und auf unserer Grillwiese das Kanzleramt. Ich bin ein geborener Ossi. Mauerbau und Abriss haben mich tief geprägt und erschüttert. Mein Leben war hart, auch im Westen
Am 09. November nachts lenkte ich wie immer noch schlaftrunken mein Auto zum Dienst. Statt gottverlassener Einöde ein Verkehr wie am Ku-Damm zur Rush-Hour. Ich habe an meinen Sinnen gezweifelt. Nach Feierabend versuchte ich über die Grenze zu gehen. Ohne Passierschein.
Alles war sehr unwirklich. In den Wochen danach lebte ich wie in Trance. Ich habe die Orte meiner Kindheit aufgesucht. Zwischen der Schönhauser-Allee in Pankow und Westberlin (2 km entfernt) gab es bizarrere Gegensätze und Zeitsprünge als zwischen Kontinenten.
Dann kamen die Heuschrecken und Versicherungsvertreter. Gebrauchter Mercedes gegen Immobilien. Es war so was wie die Eroberung der neuen Welt oder die ursprüngliche Akkumulation. Auch da wo ich arbeitete tobte das Leben. Übernahmen und Abwicklungen ohne Ende.
Es gibt kein Land meiner Hoffnung. McDonalds und Escada sind überall. Ich bin arm und inzwischen auch alt.
Achim Beyer/Neuruppin
Nochmal 13. August (alte Leserbriefe verrosten nicht)
13. August 2009
Von: Achim Beyer [mailto:achim@hannesbeyer.de]
Gesendet: Sonntag, 8. März 2009 16:25
An: ‘lokales@ruppiner-anzeiger.de’; ‘neuruppin@MAZonline.de’
Betreff: Ausstellung 20 Jahre Mauerfall “Sekt wollte ich nicht”
Viele Leute waren da. Die Generation 50 plus würde ich sagen. Manche waren auch nicht da. Es ging um erinnern. Ich bin ein Mauerkind, in Pankow geboren..Einst habe ich stolz ein Pioniertuch getragen, dann, 1960 sind meine Eltern in den Westen gegangen, ich war neun, ich habe erlebt, dass man nicht mehr zu Oma kann, und auch, dass weiß plötzlich schwarz ist oder umgekehrt. 1961 stand ich in der Berliner Bernauer Straße auf der West-Seite und habe mit eigenen Augen gesehen wie Fenster zugemauert wurden. Was machen solche Erlebnisse mit Kindern ? Mich hat nie jemand gefragt ob ich einen Systemwechsel will, überhaupt verkrafte. Fast dreißig Jahre später fiel die Mauer. Die Leute waren besoffen. Nena hat gesungen „Wunder geschehn“ und ich habe geheult wie ein Schlosshund (Berlin-Invalidenstraße). Meine eigenen Kinder haben kaum etwas verstanden, aber ich habe an die Ost-Kinder gedacht, die zehnjährigen mit dem Pioniertuch, denen die Lehrer nun erklären dass schwarz eigentlich weiß ist.
Ich will keine Mauer, ganz sicher nicht, aber mit den Erinnerungen ist das so eine ganz merkwürdige Sache.
Achim Beyer /Neuruppin
Mauerkind
13. August 2009
Wen schützen Mauern wogegen und wie lange ? Es ist schlimm wenn man nicht raus kann, aber nicht reingelassen werden ist manchmal auch schlimm.
Wer hier heute wieder Mauern aus Stein errichten will weil Bananen zu teuer für ihn sind, weil Meinungsfreiheit nur am Stammtisch funktioniert
(auch nur manchmal) und Reisefreiheit nie persönlich ausprobieren konnte, der ist irgendwie nicht richtig mitgekommen.
Mauern werden heute anders gebaut. Stein ist out.
Residenzpflicht für Asylbewerber
17. Juli 2009
Passierscheinregelung – Die Begegnung war entsetzlich. Ich kannte alles und war fassungslos. Ein „Regim“ fragt mich wen ich wo besuchen will und warum. Erlaubnis in Härtefällen (Tod der Oma). Sehnsucht oder Belange des praktischen Lebens sind keine Gründe die Grenze (Stadt/Kreis) zu überschreiten. Viele Jahre habe ich darunter gelitten. Ich war ein Flüchtlingskind in den 60er Jahren. Über 40 Jahre später wird meine Geschichte wiedererzählt. Im Hinterhof. Gekommen sind nur sehr wenige Aktivisten. Presse war nicht interessiert und von Regime kann man ja auch nicht sprechen, wir leben in einer Demokratie.
Die Betroffenen heute sind Asylanten